Archiv der Kategorie: Liebe

Vergänglich möglich

Folgendes Gedicht hab ich bei einer Lesung von Reiner Kunze in den 1990er Jahren in Wien kennengelernt.

Bittgedanke, dir zu Füßen

Stirb früher als ich, um ein weniges
früher

Damit nicht du
den weg zum haus
allein zurückgehn musst

Es verkörpert für mich die Liebe und das Leben.
Es verkörpert für mich, dass es sich lohnt, bis zum Ende zuzuhören (bzw. bis zum Ende zu lesen) – weil man oft erst dann wirklich versteht.
Es verkörpert für mich, dass man auch dann, wenn man glaubt, verstanden zu haben, doch noch nicht ganz verstanden hat.

Es verkörpert für mich, dass wir einander berühren.
Es verkörpert für mich die Liebe.

Und es erinnert mich daran, dass unser Leben – mit all seinen Möglichkeiten – ein begrenztes und flüchtiges Gut ist. Wir wissen weder, wann wir selber sterben – noch wann die Anderen sterben. Und darum möchte ich alle, die es betrifft, daran erinnern, dass sich bei jemandem zu entschuldigen nicht eine Last ist – sondern eine Entlastung. Die nur eine begrenzte Zeit lang möglich ist. Ein vergänglich möglicher Weg.

Und damit mache ich mich auf einen Weg in dem diese Website (zumindest) für einige Zeit keine so große Rolle mehr spielen wird – und auf dem doch Worte ganz gewichtig sein werden.

Zum Weiterlesen:
Meine Gedanken zu vergangenen Wegen in Haag am Hausruck:
* Tourismus an der Luisenhöhe: Offiziell abgesegneter Diebstahl (Förderungen an der Luisenhöhe 2013-2017)
* Umgang mit Altlasten und den davon betroffenen Menschen: So ein Müll

Nicht warum – sondern wie?

“Wir lesen unseren Kindern Märchen vor und sagen ihnen, dass es gute und böse Menschen gibt. (…) Das würde ich heute niemals mehr tun. Ich würde sagen, dass wir alle die Fähigkeit in uns tragen, Gutes zu tun und die Fähigkeit, schlechte Entscheidungen zu treffen. Wenn man jemanden liebt,  muss man sowohl das Gute als auch das Schlechte in ihnen sehen.” Sue Klebold

Wenn Tragödien wie der Amoklauf vom 20. April 1999 an der High School in Columbine passieren, ist die erste Frage der meisten Menschen: Warum? Sue Klebold, die Mutter eines der Amokläufer von Columbine meint in ihrem 2016 veröffentlichten Buch, dass das vielleicht die falsche Frage ist. Für sie ist die bessere Frage: “Wie?”

Als nach dem Amoklauf die Frage “Warum?” im Zentrum des Interesses stand, so erzählt sie in einem Interview, endet das sehr schnell in Schuldzuweisunungen und einem von Wut geprägten Klima. Wenn wir hingegen “Wie?” statt “Warum?” fragen, so schreibt sie, dann konzentrieren wir uns auf den Prozess. Im Fall ihres Sohnes ist das: Nicht warum – sondern wie? weiterlesen

Vertrauen trauen

«Es wird nie mehr so sein, nie mehr. Sie machen das Mädchen fertig. Wenn nicht die Polizei, dann die ZEITUNG, und wenn die ZEITUNG die Lust an ihr verliert, dann machen’s die Leute.»

«Die verlorene Ehre der Katharina Blum» Heinrich Böll

 

Wir haben alle unsere uns ganz eigene Art mit Herausforderungen umzugehen. Es beeindruckt mich, wie Jolanda Spiess-Hegglin und ihr Ehemann sich gemeinsam auf ihre jeweilige Art dagegen wehren, dass man Gras über die Ereignisse vom Dezember 2014 und die Berichterstattung darüber wachsen lässt – und damit die negative öffentliche Darstellung von Jolanda Spiess-Hegglin so stehen lassen würde als wären sie richtig. Es bestärkt mich wie die beiden damit und miteinander umgehen – wie eine Liebe unter einer Tsunami-Belastung Vertrauen trauen weiterlesen

Kontostand und Hand

Was uns am Ende rettet, ist nicht unser Kontostand, sondern jemand, der uns die Hand reicht“.

Das war das Motto einer Kunst-Aktion am G20-Gipfel in Hamburg (siehe Video unten) – in der eine Gruppe von etwa 1000 Menschen eine zweistündige Choreographie auf die Beine stellte und mithilfe mehrerer hundert Menschen umsetzte – um uns alle zu mehr Menschlichkeit und Eigenverantwortung aufzurufen.

 

Und das für mich Besondere an dieser Aktion ist, dass ich genau das jetzt erlebe. Kontostand und Hand weiterlesen

Ent-Täuschung

160506 Steinherz bei Rückweg vom Lauenersee

Oft mache ich mir ein Bild davon, wie jemand ist oder zu sein hat.

Dieses Bild ist aber oft ein Täuschung – etwas das ich auf eine andere Person projiziere, das aber eigentlich zu mir gehört.

Wenn dieser Mensch dann ganz anders ist oder ganz anders handelt als ich es mir aufgemalt hatte, dann bin ich ent-täuscht.

Diese Ent-Täuschung ist ein Geschenk: Ent-Täuschung weiterlesen

“Das war der schönste Moment auf der ganzen Reise”

In den Zeitungen wird oft über Probleme mit Geflüchteten bzw. Asylbewerber*innen gesprochen – weniger darüber, warum sie ihre Länder verlassen haben und wie es ihnen auf der Flucht ging. Und noch weniger darüber, wie schön und wichtig es für sie ist, auf Menschlichkeit zu stossen.

Das  Zitat im Titel stammt aus 01:22:00 vom Dokumentarfilm „My Escape / Meine Flucht“ (für Film schauen bitte hier klicken)  und ich kann jedem nur empfehlen, sich das ganze Zitat und den Kontext selber anzuhören. Der Film ist eine Montage aus (Handy-)Videos von Geflüchteten, die ihre lebensgefährliche Flucht nach Deutschland selbst kommentieren.  “Das war der schönste Moment auf der ganzen Reise” weiterlesen

Vogelfrau

P1040404

Es war  einmal ein Kind, dem wuchsen Flügel.

Sie wuchsen ihm aus den Schulterblättern heraus und zuerst waren sie nur kümmerlich. Aber sie wuchsen schnell und in Nullkommanix hatte es Flügel mit beträchtlicher Spannweite.

Die Nachbarn waren entsetzt.”Sie müssen sie abschneiden lassen”, sagten sie zu den Eltern des Kindes. “Warum?”, fragten die Eltern des Kindes. “Na, das ist doch offensichtlich”, sagten die Nachbarn.

Doch ein paar Wochen später kamen sie wieder. “Wenn sie die Flügel nicht abschneiden wollen, dann stutzen sie sie wenigstens.” “Warum?”, fragten die Eltern. “Nun, dann würden sie wenigstens zeigen, dass Sie etwas unternehmen.” “Nein”, sagten die Eltern und die Nachbarn gingen

Dann erschienen die Nachbarn ein drittes Mal. “Zweimal haben Sie uns nun schon weggeschickt”, erklärten sie den Eltern, “aber denken sie doch mal an das Kind. Was tun sie dem armen kleinen Ding an?”

“Wir bringen ihm das Fliegen bei”, sagten die Eltern bestimmt.

Suniti Namjoshi