flüchtig; Wählen

Und das Stimmvieh hebt seine Pfoten lieber für solche, die sie in geflieste Schlachtbänke führen, als für jene, die ihnen den Weg zur Weide zeigen.

in: flüchtig, Roman, Hubert Achleitner (Hubert von Goisern), S. 186

Bald ist EU-Wahl. Wie nett wäre es, wenn ich einfach ein Kreuz auf dem Wahlzettel machen könnte. Doch so einfach geht das diesmal nicht.

Zwar weiß ich sehr genau, wo ich mein Kreuz sicher nicht mache. Dies u.a. deswegen, weil ich Migrantin bin, d.h.: Ich wohne nicht dort, wo ich aufgewachsen bin. Pauschalisierende, abwertende Bemerkungen über Migrant:innen erschweren mein Leben – und ich werde Parteien, die solche Dinge unterstützen nicht wählen.
Sündenbock-Politik löst keine Probleme – schon gar keine komplexen. Und ich will Probleme lösen. Für mich ist wichtig, dass wir fähig sind, zu sehen: Migration ist etwas Herausforderndes, das auch viel Positives in sich birgt.

So weit so klar. Doch wen wen wähle ich dann? Ich bin im Dilemma. Da hilft mir Hubert von Goisern weiter, mit etwas, das in seinem Roman “flüchtig” steht (auf S. 186):

Expansion und Migration sind zwar keine Tugenden, aber auch keine Krankheiten. (…) Wenn Sie die Entwicklungsgeschichte betrachten, werden sie sehen, dass jeder wichtige Schritt mit Neugier und Aufnahmebereitschaft verbunden war und jede noch so bedeutende Kultur von jenem Augenblick an dem Untergang geweiht war, so sie diese Fähigkeit verloren war.

Neugier und Aufnahmebereitschaft: Die sind jetzt auch bei mir gefragt. Ich schaue genau hin. Zuerst hab ich die Parteien durchgeschaut und mich gefragt: Wer von denen geht für mich? Und jetzt informiere ich mich, für welche Werte & Themen die Kandidat:innen stehen – wofür sie sich bis dato einsetzt haben. Ich möchte wissen, ob wer dabei ist, der mir hilft, den Weg zur Weide zu finden – und es verdient, meine Vorzugsstimme zu bekommen. Dort mache ich dann mein Kreuz.