Exodus

“Leaving is only the first step to a solution; it actually takes a lot of work to build a life after that. (…) Abuse minus healing equals love.”

“Zu gehen ist nur der 1. Schritt in Richtung Lösung; es erfordert eine Menge Arbeit, sich ein Leben danach aufzubauen. (…) Missbrauch minus Heilung ergibt Liebe.

Deborah feldmann, Exodus, S. 223

Mit ohne

“Ich wollte Lola als Freundin behalten. Weil sie mir wichtig war. Weil sie etwas Besonderes war. Weil ohne sie in meinem Leben etwas fehlte. Aber dazu musste ich ihr verzeihen. Und wie sollte ich ihr verzeihen, wenn wir uns gar nicht aussprachen? So gab sie mir ja nicht einmal die Chance dazu”.

Agneta Melzer “borderline. Ein Jahr mit ohne Lola. Die Geschichte einer besonderen Freundschaft”

Der Auszug aus dem Buch, das ich gestern in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden hab, hat mich an mein Leben erinnert. Ich habe in den letzten Jahren sehr vielen Menschen die Chance gegeben, sich mit mir auszusprechen. Manche haben sie genutzt. Andere nicht.

Mit Allem kommen können

Wir spüren, wo wir gut aufgehoben sind

Wer kennt ihn nicht, den Satz der Bürgermeisterin / des Chefs / der Kursleiterin / der Eltern: Man kann jederzeit mit Allem zu ihm/ihr kommen. Was ich daran so spannend finde ist: Menschen sind wahnsinnig gescheit – schon von Kind auf. Sie wissen ganz genau, wem sie wirklich offen ihre Sorgen erzählen können bzw. welche Risiken damit verbunden sind – und richten sich danach. Und so bekommen eigentlich nur die Menschen, die für die Welt in ihrer ganzen Fülle (inkl. kritischer Wahrnehmung ihrer eigenen Handlungen) offen sind, auch die wirklichen Probleme mit. Alle andere hören das, was sie hören wollen (und können). Ich finde: Das hat eine gewisse Gerechtigkeit. Und eine gewisse Tragik.

Tragisch ist es deswegen, weil Weiterlesen “Mit Allem kommen können”

…und führen, wohin du nicht willst



“Haben Sie noch nie darüber nachgedacht, dass Denken immer gefährlich ist?”

Helmut Gollwitzer

Die derzeitige Situation rund um den Coronavirus wirft die Frage auf: Wer entscheidet über die derzeitigen Massnahmen und wie? Spannenderweise finde ich dazu in einem Buch aus dem Jahre 1954 namens “… und führen wohin du nicht willst. Bericht einer Gefangenschaft” interessante Gedanken. In diesem Buch berichtet Helmut Gollwitzer von seiner Gefangenschaft in der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg und analysiert kritisch die Situation in der Sowjetunion und ganz allgemein die Frage von Staat, Menschlichkeit, Freiheit und totalitären Systemen.

Was ich am Buch von Helmut Gollwitzer besonders spannend finde sind seine Berichte über Gespräche mit Andersdenkenden und seine Berichte und Gedanken darüber, wie Solidarität und Zusammenhalt durch verschiedene Gesellschaftssysteme untergraben und gefördert werden können.

Ich möchte hier einige Gedanken von ihm teilen, die er zum 3. Reich (insbesondere der Judenverfolgung) zur Diskussion stellt und die ich finde auch heute noch ihre Gültigkeit haben – auch für heutige gesellschaftliche Fragen:

“1. Wir haben davon nichts gewusst! – Aber warum haben wir nichts davon gewusst? Haben wir nichts wissen können oder nichts wissen wollen?

2. Wir haben es nicht gewollt! – Haben wir es damals alle wirklich, von ganzem Herzen nicht gewollt oder wollen wir es nur heute nicht mehr?


3. Wir konnten nichts dagegen tun! – Haben wir alles getan, was wir dagegen tun können? Haben wir alles an Hilfe für die Verfolgten getan, was wir konnten?

(Aus: “… und führen, wohin du nicht willst”, S. 119)

Egal in welcher gesellschaftlichen Situation ich mich befinde, ich Weiterlesen “…und führen, wohin du nicht willst”

Verantwortungsbewusst und aus Liebe

“Es gibt kein für alle gültiges Bewertungssystem, kein richtig oder falsch. Die Entscheidung ist dann richtig, wenn sie reflektiert und verantwortungsbewusst und aus Liebe zu sich und anderen getroffen wurde.”

Erich Gleisser, Geschäftsführer und Teilhaber von Changemaker

Es ist nicht einfach, richtige Entscheidungen zu treffen. So sass ich in den letzten Wochen Tag für Tag an einem Brief an die Mitglieder des Gemeinderats von Haag am Hausruck. Ich empfand es als meine Verantwortung, Dinge mit ihnen zu teilen, die ich entdeckt habe. Es war mich wichtig, den Mut zu haben, zu meiner Meinung und meinen Werten zu stehen. Und dabei stand ich jeden Tag neu vor der Frage: Wie schreibe ich es? Wie kann ich gleichzeitig fachlich korrekt, ehrlich, offen und wertschätzend sein? Kann ich das?

Während ich nochmal überlege, ob mir das gelungen ist fällt mir Martin Vosseler ein, mit dem ich mich innig verbunden fühle. Oder vielmehr fühlte. Er wurde vor Kurzem bei einem Fahrradunfall getötet. Er hat immer aus einem Geist der Liebe heraus gehandelt. Und er hat damals, als er uns auf unserer Alm besuchte ganz begeistert vom Specht erzählt, auf den er bei der Wanderung auf der Alm gestoßen ist. Das ist mir geblieben. Sein Blick für die Schönheit im Leben. Und vielleicht habe ich auch deswegen den Brief geschrieben: Weil ich das Schöne sehe und an es glaube. Und gerade deswegen die Handlungen kritisiere: Weil ich Menschen die dahinter schätze. Ich gebe Ihnen Wert, indem ich Ihnen meine Zeit widme. Mir Gedanken um sie mache. Und indem ich mir überlege – Stunde um Stunde, Tag um Tag – wie ich meine Gedanken so mit ihnen teilen kann, dass ich ihnen eine Möglichkeit biete, ihr Potenzial bestmöglich zu leben – und so meinen Teil dazu beitrage, dass wir uns allen bestmöglich Sorge tragen.

Zum Nachlesen:
Brief an die Mitglieder des Gemeinderats von Haag am Hausruck vom 15.11.2019