Archiv der Kategorie: Lebens-Gedanken

Selbstwert und Sorry

Selbstbewusstsein – wichtig für Kuh und Mensch

Ich mach derzeit grad ganz viele Fehler. An meiner Arbeitsstelle ist Vieles für mich neu und drum läuft noch nicht alles rund. Manche Fehler verzeih ich mir leichter – andere nicht so leicht. Wichtig ist mir bei allen: Sie zu reflektieren – damit sie nicht wieder vorkommen. Zu ihnen zu stehen – um eine offene Fehlerkultur zu fördern. Und mich wenn notwendig bei den Betroffenen für meine Fehler zu entschuldigen – damit sie wissen, dass mir der Respekt ihrer Grenzen wichtig ist und sie Vertrauen zu mir aufbauen können.

Ich stelle fest: Dafür braucht es eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Ich freue mich, dass ich dieses meistens habe. Und frage mich: Ist fehlendes Selbstbewusstsein vielleicht der – oder: auch ein – Grund warum der Bürgermeister und die Mitglieder des Gemeinderats von Haag am Hausruck sich bis dato noch nicht bei mir entschuldigt haben? Bisher war ich ja eher davon ausgegangen, dass sie der Meinung sind, dass es für den Umgang mit mir nichts zu entschuldigen gibt – dass ihr Umgang mit mir also für sie sozusagen der “normale” Umgang mit Menschen ist, den sie auch in Zukunft fortzusetzen gedenken (mit mir und anderen). Im Lichte meiner derzeitigen Erfahrungen stellt sich mir die Frage: Wissen die Betroffenen zwar vielleicht eh, dass es nicht recht war, was sie getan haben, haben aber vielleicht nicht den Mut und den Selbstwert für eine Entschuldigung? Nachdem was kürzlich im Kleinwalsertal passiert ist – und wofür der österreichische Bundeskanzler keinerlei Entschuldigung über die Lippen brachte – denk ich mir außerdem: Bei solchen “Anti-Vorbildern” werden sie in dem Verhalten von oben ja – leider! – auch noch bestärkt.

Ich empfinde es so: Es braucht viel Selbstliebe um zu sagen – v.a. öffentlich: “Da hab ich einen Fehler gemacht. Es tut mir leid.” Es strahlt aber gleichzeitig auch viel Selbstvertrauen aus. Und das wiederum erzeugt – zumindest bei mir – Vertrauen in solche Menschen. Solche Menschen wünsche ich mir in Führungspositionen und versuche selber auch in einem solchen Geist zu leben und handeln. Ich freue mich über jede einzelne Person, die das ebenfalls tut (und damit Vorbild für Sebastian Kurz ist) – und wünsche allen, die diesen Weg gehen oder sich auf diesen Weg machen, ganz viel Mut und Selbstwert dazu.

Nachtrag vom 24.05.2020, 14:11:
Kaum hab ich das geschrieben, zeigt der österreichische Bundespräsident vor: Politiker sind fähig, sich zu entschuldigen :))))))) (siehe “Bundespräsident war zu lange im Gastgarten. Entschuldigte sich dafür”, Der Standard, 24.05.2020, abgerufen gerade eben). Ich habe eine Riesenfreude, dass ein führender Politiker zeigt, dass es geht, zu seinen Fehlern zu stehen :))) Er hat auch vorgezeigt: Man stirbt nicht von einer Entschuldigung. Er lebt nämlich immer noch ;)

Zum Weiterlesen:
Never say Sorry, Hans Rauscher, Der Standard, 16.5.2020 (abgerufen am 18.5.2020)
Scharfe Kritik an Kurz-Auftritt im Kleinwalsertal, vorarlberg.orf.at, 14.5.2020 (abgerufen am 23.5.2020)

Mit Allem kommen können

Wir spüren, wo wir gut aufgehoben sind

Wer kennt ihn nicht, den Satz der Bürgermeisterin / des Chefs / der Kursleiterin / der Eltern: Man kann jederzeit mit Allem zu ihm/ihr kommen. Was ich daran so spannend finde ist: Menschen sind wahnsinnig gescheit – schon von Kind auf. Sie wissen ganz genau, wem sie wirklich offen ihre Sorgen erzählen können bzw. welche Risiken damit verbunden sind – und richten sich danach. Und so bekommen eigentlich nur die Menschen, die für die Welt in ihrer ganzen Fülle (inkl. kritischer Wahrnehmung ihrer eigenen Handlungen) offen sind, auch die wirklichen Probleme mit. Alle andere hören das, was sie hören wollen (und können). Ich finde: Das hat eine gewisse Gerechtigkeit. Und eine gewisse Tragik.

Tragisch ist es deswegen, weil Mit Allem kommen können weiterlesen

Wertschätzung in Zeiten des Coronavirus

Wertschätzend aufeinander schauen – für unsere kostbare Gesellschaft

Die derzeitige Situation konfrontiert mich – und ich denke uns alle –  mit ganz grundlegenden Werten des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Frage, welche davon uns wie wichtig sind. Für mich sind jetzt zwei Dinge ganz zentral: Erstens eine offene, wertschätzende und kontroverse Diskussionskultur. Und zweitens Wertschätzung an sich. In dem Sinn möchte ich in diesem Artikel ein paar Gedanken teilen. 

Ich erlebe es so, dass jetzt viele Dinge darüber ans Licht kommen, wie wir miteinander umgehen und wie viel wir einander wert sind. Solche die Freude auslösen in mir – und solche, die mich traurig machen.

Es berührt mich z. B. positiv, Wertschätzung in Zeiten des Coronavirus weiterlesen

Wo ich daheim bin

Friedensschals der Aktion Wool against Weapons in Haag am Hausruck

Ich bin dort daheim, wo

  • ich sicher bin, d.h. meine Grenzen respektiert werden,
  • ich verstanden werde,
  • ich respektiert werde,
  • ich – ohne mich rechtfertigen zu müssen – Ich sein darf,
  • mein Wert geschätzt wird,
  • ich geliebt werde.

Im Zusammenleben verletzen wir oft die Grenzen Anderer. Dann ist ein Gespräch wichtig – und eine Entschuldigung, die zeigt: Das war nicht Absicht, mir ist es ein Anliegen, deine Grenzen zu respektieren. Wenn diese Entschuldigung nicht erfolgt, dann muss ich davon ausgehen, dass sich die Grenzverletzung jederzeit wiederholen kann. So erlebe ich es leider – in Bezug auf für mich lebenswichtige Grenzen – in Haag am Hausruck.

Ich habe ein Recht daheim zu sein. Auch und gerade in Haag am Hausruck. Meine Grenzen sind genauso wichtig wie die aller anderen Menschen dort. Ich bin genauso wichtig. Und darum setze ich mich für meine Grenzen und für mich ein – mit all meiner Energie. Und mit Liebe.

Wo Menschen daheim sind

“Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.

Christian Morgenstern

Unter dem Motto dieses Zitates standen zwei Weiterbildungen, die ich diesen Herbst zum Thema Demenz gemacht habe. Ich finde es einen wunderschönen Zugang in der Betreuungsarbeit und hab mir jetzt ganz bewusst zum Ziel gemacht, Menschen so zu pflegen und betreuen, dass sie sich verstanden fühlen – und damit daheim an dem Ort wo sie wohnen bzw. ich für sie arbeite.

Quelle Zitat: Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918 (posthum). 1891

Verantwortungsbewusst und aus Liebe

“Es gibt kein für alle gültiges Bewertungssystem, kein richtig oder falsch. Die Entscheidung ist dann richtig, wenn sie reflektiert und verantwortungsbewusst und aus Liebe zu sich und anderen getroffen wurde.”

Erich Gleisser, Geschäftsführer und Teilhaber von Changemaker

Es ist nicht einfach, richtige Entscheidungen zu treffen. So sass ich in den letzten Wochen Tag für Tag an einem Brief an die Mitglieder des Gemeinderats von Haag am Hausruck. Ich empfand es als meine Verantwortung, Dinge mit ihnen zu teilen, die ich entdeckt habe. Es war mich wichtig, den Mut zu haben, zu meiner Meinung und meinen Werten zu stehen. Und dabei stand ich jeden Tag neu vor der Frage: Wie schreibe ich es? Wie kann ich gleichzeitig fachlich korrekt, ehrlich, offen und wertschätzend sein? Kann ich das?

Während ich nochmal überlege, ob mir das gelungen ist fällt mir Verantwortungsbewusst und aus Liebe weiterlesen

Fehlerkorrekturwesen

“Wir Menschen sind von Natur aus keine präzise handelnden Maschinen, welche in der Lage wären, eine Haltung direkt und fehlerfrei im Verhalten umzusetzen.”

Stefan Knobel (Krankenpfleger und Kinaesthetics-Ausbildner)

In den letzten Jahren ist mir im Rahmen meiner Ausbildung und Einsätze in der Pflege immer wieder das Konzept der Kinaesthetics begegnet. Es dient dazu, dass Bewegungen körperschonend ausgeführt werden (auf gut deutsch: u.a. dazu, dass man sich beim Arbeiten nicht den Rücken kaputt macht) . Ein Bild hat mich dabei besonders gesprägt: Kinaesthetics liefert keine Techniken, sondern ist ein gemeinsam erarbeiteter Weg. Ich erlebe immer wieder, wie der durch diesen gemeinsamen Weg ausgedrückte Respekt vor der gepflegten Person bei dieser direkt ankommt. Und das freut mich. Darüber hinaus finde ich darin die Haltung wieder, die ich versuche ganz allgemein im Leben zu leben.

Gestern stieß ich dann auf das Zitat oben und es hat mich an all die Fehler erinnert, die ich selber mache und die andere machen – und wie eben nicht die Fehler das Problem sind, sondern, dass wir sie nicht als Teil eines gemeinsamen Wegs anschauen. Fehlerkorrekturwesen weiterlesen

Offen – dank starker Identität

Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr Menschen durch einwandernde Menschen in ihrer Identität geschüttelt werden. Ich hingegen erlebe Menschen aus anderen Kulturen als herausfordernde Bereicherung. Wie kommt das – so frage ich mich immer wieder.

Nun bin ich auf eine Spur gestoßen, warum dies so sein könnte und zwar – ganz unerwartet – in Offen – dank starker Identität weiterlesen

Ich hatte keine Zeit

“”Ich musste es tun”, Ich hatte keine andere Wahl”, “Befehl von oben”, “Ich hatte keine Zeit”, “Das haben wir schon immer so gemacht”, “Weil es das Gesetz so will” – jegliche Versuche, die eigene Verantwortung zu verweigern, nenne ich Amtssprache.”

Marshall B. Rosenberg

Ich gestalte mein Leben so, dass ich meine Zeit dem widme was mir wichtig ist. In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass einerseitsmeine Mitmenschen darauf unterschiedlich reagieren und dass zweitens ich selber immer mehr dazu stehen kann wofür ich mir Zeit nehme – also immer weniger Amtssprache brauche.

Meine Erfahrung ist: Menschen die klar wissen, was ihnen im Leben wichtig ist und dem genug Platz in ihrem Leben einräumen können mich gut so stehenlassen wie ich bin. Dabei ist völlig egal, ob das was ich wichtig finde für sie auch wichtig ist, sondern: Sie haben die Verantwortung für ihr Leben übernommen und darum stört es sie auch nicht wenn ich dasselbe für mein Leben machen. Mein Anspruch an mich ist, dass mir das umgekehrt genauso gelingt.

Menschen, die ihr Leben nach dem ausrichten “was man tun soll” bzw. nach dem was andere von ihnen erwarten (es ihnen recht machen wollen) – haben mit mir oft ein Problem. Ich konfrontiere sie nämlich – so meine Interpretation – damit, dass sie sich für Dinge, die ihnen wichtig sind, keine bzw. nicht genug Zeit nehmen – bzw. damit, dass sie sich womöglich nicht mal die Zeit nehmen/genommen haben, rauszufinden, was es ist bzw. wäre, dass ihnen persönlich wichtig ist. Im Kontakt mit mir bricht dann – so wieder meine Interpretation – der daraus entstehende Frust heraus – in Form von persönlichen Angriffen gegen mich.

Ein konkretes Beispiel: Mir ist wichtig, dass alle Menschen gleichberechtigt an der Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens teilhaben können. Dafür ist mir wichtig, dass Informationen transparent zugänglich sind und dass wenn diesbezüglich Fehler passieren, die dafür Verantwortlichen das ernst nehmen und ihren Fehler nicht zu verstecken versuchen oder versuchen, ihn herunterzuspielen. Als die Einladung für die Gemeinderatssitzung vom 13.6.2019 in Haag am Hausruck nicht aufgehängt wurde, obwohl es gesetzlich vorgeschrieben ist, war das für mich etwas, dass den transparenten, gleichberechtigten Zugang zu Informationen beeinträchtigt. Darum hab ich mir Zeit hierfür genommen und blieb in Haag am Hausruck bis die entsprechende Gemeinderatssitzung stattfand. Als die Verantwortlichen dort diesen Fehler übergingen (in den einleitenden Worten des Bürgermeisters zur Gemeinderatssitzung wurde der sonst übliche Satz zum ordnungsgemäßen Aushang “einfach” nicht erwähnt), habe ich selber auf den fehlenden Aushang hingewiesen. Weil mir eben Transparenz wichtig ist. Das führte dann dazu, dass Bürgermeister Konrad Binder eine Teil-Verantwortung übernahm und den Fehler öffentlich verkündete. Was mich wieder mal in meiner Einschätzung bestätigte, dass er ein Mensch ist, der aus Fehlern lernen kann. Leider hat er gleichzeitig den gemachten Fehler heruntergespielt (indem er ihn als Formfehler bezeichnete, was harmloser klingt, als das was wirklich passiert ist). Das fand ich nicht ok und habe es angesprochen. Das endete dann in einem persönlichen Angriff gegen mich. In anderen Wort: Ich bin dazu gestanden – unter sehr schwierigen Umständen – dass ich mir für etwas Zeit nehme, weil es mir wichtig ist. Ich hab meine Verantwortung wahrgenommen und mich nicht hinter Amtssprache versteckt – obwohl ich auf einem Amt war ;) Leider war die Reaktion darauf sehr amtssprachig. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Find ich.

Quelle Zitat: Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabriele Seils, 15. Auflage, 2012, S.38