Mit ohne

“Ich wollte Lola als Freundin behalten. Weil sie mir wichtig war. Weil sie etwas Besonderes war. Weil ohne sie in meinem Leben etwas fehlte. Aber dazu musste ich ihr verzeihen. Und wie sollte ich ihr verzeihen, wenn wir uns gar nicht aussprachen? So gab sie mir ja nicht einmal die Chance dazu”.

Agneta Melzer “borderline. Ein Jahr mit ohne Lola. Die Geschichte einer besonderen Freundschaft”

Der Auszug aus dem Buch, das ich gestern in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden hab, hat mich an mein Leben erinnert. Ich habe in den letzten Jahren sehr vielen Menschen die Chance gegeben, sich mit mir auszusprechen. Manche haben sie genutzt. Andere nicht.

Mit Allem kommen können

Wir spüren, wo wir gut aufgehoben sind

Wer kennt ihn nicht, den Satz der Bürgermeisterin / des Chefs / der Kursleiterin / der Eltern: Man kann jederzeit mit Allem zu ihm/ihr kommen. Was ich daran so spannend finde ist: Menschen sind wahnsinnig gescheit – schon von Kind auf. Sie wissen ganz genau, wem sie wirklich offen ihre Sorgen erzählen können bzw. welche Risiken damit verbunden sind – und richten sich danach. Und so bekommen eigentlich nur die Menschen, die für die Welt in ihrer ganzen Fülle (inkl. kritischer Wahrnehmung ihrer eigenen Handlungen) offen sind, auch die wirklichen Probleme mit. Alle andere hören das, was sie hören wollen (und können). Ich finde: Das hat eine gewisse Gerechtigkeit. Und eine gewisse Tragik.

Tragisch ist es deswegen, weil Weiterlesen “Mit Allem kommen können”

Verantwortungsbewusst und aus Liebe

“Es gibt kein für alle gültiges Bewertungssystem, kein richtig oder falsch. Die Entscheidung ist dann richtig, wenn sie reflektiert und verantwortungsbewusst und aus Liebe zu sich und anderen getroffen wurde.”

Erich Gleisser, Geschäftsführer und Teilhaber von Changemaker

Es ist nicht einfach, richtige Entscheidungen zu treffen. So sass ich in den letzten Wochen Tag für Tag an einem Brief an die Mitglieder des Gemeinderats von Haag am Hausruck. Ich empfand es als meine Verantwortung, Dinge mit ihnen zu teilen, die ich entdeckt habe. Es war mich wichtig, den Mut zu haben, zu meiner Meinung und meinen Werten zu stehen. Und dabei stand ich jeden Tag neu vor der Frage: Wie schreibe ich es? Wie kann ich gleichzeitig fachlich korrekt, ehrlich, offen und wertschätzend sein? Kann ich das?

Während ich nochmal überlege, ob mir das gelungen ist fällt mir Martin Vosseler ein, mit dem ich mich innig verbunden fühle. Oder vielmehr fühlte. Er wurde vor Kurzem bei einem Fahrradunfall getötet. Er hat immer aus einem Geist der Liebe heraus gehandelt. Und er hat damals, als er uns auf unserer Alm besuchte ganz begeistert vom Specht erzählt, auf den er bei der Wanderung auf der Alm gestoßen ist. Das ist mir geblieben. Sein Blick für die Schönheit im Leben. Und vielleicht habe ich auch deswegen den Brief geschrieben: Weil ich das Schöne sehe und an es glaube. Und gerade deswegen die Handlungen kritisiere: Weil ich Menschen die dahinter schätze. Ich gebe Ihnen Wert, indem ich Ihnen meine Zeit widme. Mir Gedanken um sie mache. Und indem ich mir überlege – Stunde um Stunde, Tag um Tag – wie ich meine Gedanken so mit ihnen teilen kann, dass ich ihnen eine Möglichkeit biete, ihr Potenzial bestmöglich zu leben – und so meinen Teil dazu beitrage, dass wir uns allen bestmöglich Sorge tragen.

Zum Nachlesen:
Brief an die Mitglieder des Gemeinderats von Haag am Hausruck vom 15.11.2019

Fehlerkorrekturwesen

“Wir Menschen sind von Natur aus keine präzise handelnden Maschinen, welche in der Lage wären, eine Haltung direkt und fehlerfrei im Verhalten umzusetzen.”

Stefan Knobel (Krankenpfleger und Kinaesthetics-Ausbildner)

In den letzten Jahren ist mir im Rahmen meiner Ausbildung und Einsätze in der Pflege immer wieder das Konzept der Kinaesthetics begegnet. Es dient dazu, dass Bewegungen körperschonend ausgeführt werden (auf gut deutsch: u.a. dazu, dass man sich beim Arbeiten nicht den Rücken kaputt macht) . Ein Bild hat mich dabei besonders gesprägt: Kinaesthetics liefert keine Techniken, sondern ist ein gemeinsam erarbeiteter Weg. Ich erlebe immer wieder, wie der durch diesen gemeinsamen Weg ausgedrückte Respekt vor der gepflegten Person bei dieser direkt ankommt. Und das freut mich. Darüber hinaus finde ich darin die Haltung wieder, die ich versuche ganz allgemein im Leben zu leben.

Gestern stieß ich dann auf das Zitat oben und es hat mich an all die Fehler erinnert, die ich selber mache und die andere machen – und wie eben nicht die Fehler das Problem sind, sondern, dass wir sie nicht als Teil eines gemeinsamen Wegs anschauen. Weiterlesen “Fehlerkorrekturwesen”

Offen – dank starker Identität

Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr Menschen durch einwandernde Menschen in ihrer Identität geschüttelt werden. Ich hingegen erlebe Menschen aus anderen Kulturen als herausfordernde Bereicherung. Wie kommt das – so frage ich mich immer wieder.

Nun bin ich auf eine Spur gestoßen, warum dies so sein könnte und zwar – ganz unerwartet – in Weiterlesen “Offen – dank starker Identität”

Einwandfreies Vorleben?

Letzte Woche habe ich mich bei einer Stelle beworben, wo ein einwandfreies Vorleben verlangt wurde. Das hat bei mir die Frage aufgeworfen: Was heisst denn ein einwandfreies Vorleben für mich?

Und da bin ich erstens draufgekommen, dass ich glaub, dass niemand völlig einwandfrei lebt. Die Formulierung also falsch ist. Wir machen alle Fehler. Ich persönlich find’s nicht zielführend jemand deswegen seine Zukunft zu verbauen. Ich möchte vielmehr eine Art des Zusammenlebens fördern, wo Lernen aus Fehlern – die wir ja alle machen – belohnt wird.

V.a. aber stellte ich mir folgende Frage: Weiterlesen “Einwandfreies Vorleben?”

Nichts falsch

“”Ich habe”, sagte er, “im Leben viele Fehler gemacht. Aber nichts falsch.”

Aus: Ich nicht. Erinnerungen an einer Kindheit und Jugend, Joachim Fest, Rowolth, 2006 (einem Buch mit Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus, das ich in der Gratis-Bücherkiste auf dem Foto oben gefunden hab).

 

Ich find auch: Fehler machen ist erlaubt. Wichtig ist, daraus zu lernen – damit man sein Leben trotz Fehler insgesamt richtig lebt. Das wirft die Frage auf: Was ist nun richtig? Für mich ist richtig, das zu tun, was ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Und dafür ist es wichtig, mich für die zu interessieren, die von meinem Handeln betroffen sind. Mir Zeit zu nehmen. Um mir Wissen anzueignen. Zuzuhören. Zu überlegen. Und Entscheidungen zu treffen. Für die ich dann später die Verantwortung übernehme.

 

Lästige Sorgen

Wenn man sich vorschreiben lässt, was sich gehört (z.B. wie lang man am Morgen ausschläft oder eben nicht, was frau anzieht und was mann, etc.), dann werden einem nicht nur lästige Sorgen und Entscheidungen abgenommen – sondern auch die Verantwortung für sich selbst. Das hat seinen Reiz. Denn dann muss man sich mit ebendieser Verantwortung nie beschäftigen bzw. kann ihr ausweichen.

Das Problem an einer solchen Lebenshaltung ist: Wenn ich die Verantwortung für mein eigenes Leben abgebe – anstatt mein Verhalten an den realen Auswirkungen meines Verhaltens zu messen – dann droht mir die Gefahr des Realitätsverlustes.

Die Realität konfrontiert uns mit den Folgen unseres Handelns. Sie konfrontiert uns mit uns selber – mit unserer Verantwortung. Darauf kann ich reagieren, in dem ich Weiterlesen “Lästige Sorgen”

Miteinander reden

“Man kann doch miteinander reden.”
“Wenn Sie nicht mit uns reden wollen…”

Das hör ich oft, hört sich gut an – und hat viel Wahres.

Richtig und wichtig ist aber auch Folgendes:

  • Miteinander reden heisst für mich, dass das was ich brauche genausoviel Platz und Berechtigung hat wie das worüber mein Gegenüber mit mir reden will.

Ich erlebe immer wieder, dass genau die Menschen, die mir sagen, dass sie unbedingt mit “mir” reden wollen oder mir vorwerfen, dass ich nicht mit ihnen rede wolle, dann, wenn ich mich auf ein Gespräch mit ihnen einlasse damit beginnen zu erklären wie wichtig ich ihnen bin und dass sie unbedingt möchten, dass es für mich stimmt – und dann genau in dem Moment in dem ich ins Gespräch einbringe, was für mich wichtig ist böse werden. Oder – und das ist die mich fast noch verstörendere Variante – Weiterlesen “Miteinander reden”