Archiv der Kategorie: Herzens-Weg

Selbstwert und Sorry

Selbstbewusstsein – wichtig für Kuh und Mensch

Ich mach derzeit grad ganz viele Fehler. An meiner Arbeitsstelle ist Vieles für mich neu und drum läuft noch nicht alles rund. Manche Fehler verzeih ich mir leichter – andere nicht so leicht. Wichtig ist mir bei allen: Sie zu reflektieren – damit sie nicht wieder vorkommen. Zu ihnen zu stehen – um eine offene Fehlerkultur zu fördern. Und mich wenn notwendig bei den Betroffenen für meine Fehler zu entschuldigen – damit sie wissen, dass mir der Respekt ihrer Grenzen wichtig ist und sie Vertrauen zu mir aufbauen können.

Ich stelle fest: Dafür braucht es eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Ich freue mich, dass ich dieses meistens habe. Und frage mich: Ist fehlendes Selbstbewusstsein vielleicht der – oder: auch ein – Grund warum der Bürgermeister und die Mitglieder des Gemeinderats von Haag am Hausruck sich bis dato noch nicht bei mir entschuldigt haben? Bisher war ich ja eher davon ausgegangen, dass Selbstwert und Sorry weiterlesen

Mit Allem kommen können

Wir spüren, wo wir gut aufgehoben sind

Wer kennt ihn nicht, den Satz der Bürgermeisterin / des Chefs / der Kursleiterin / der Eltern: Man kann jederzeit mit Allem zu ihm/ihr kommen. Was ich daran so spannend finde ist: Menschen sind wahnsinnig gescheit – schon von Kind auf. Sie wissen ganz genau, wem sie wirklich offen ihre Sorgen erzählen können bzw. welche Risiken damit verbunden sind – und richten sich danach. Und so bekommen eigentlich nur die Menschen, die für die Welt in ihrer ganzen Fülle (inkl. kritischer Wahrnehmung ihrer eigenen Handlungen) offen sind, auch die wirklichen Probleme mit. Alle andere hören das, was sie hören wollen (und können). Ich finde: Das hat eine gewisse Gerechtigkeit. Und eine gewisse Tragik.

Tragisch ist es deswegen, weil Mit Allem kommen können weiterlesen

…und führen, wohin du nicht willst

“Haben Sie noch nie darüber nachgedacht, dass Denken immer gefährlich ist?”

Helmut Gollwitzer

Die derzeitige Situation rund um den Coronavirus wirft die Frage auf: Wer entscheidet über die derzeitigen Massnahmen und wie? Spannenderweise finde ich dazu in einem Buch aus dem Jahre 1954 namens “… und führen wohin du nicht willst. Bericht einer Gefangenschaft” interessante Gedanken. In diesem Buch berichtet Helmut Gollwitzer von seiner Gefangenschaft in der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg und analysiert kritisch die Situation in der Sowjetunion und ganz allgemein die Frage von Staat, Menschlichkeit, Freiheit und totalitären Systemen.

Was ich am Buch von Helmut Gollwitzer besonders spannend finde sind seine Berichte über Gespräche mit Andersdenkenden und seine Berichte und Gedanken darüber, wie Solidarität und Zusammenhalt durch verschiedene Gesellschaftssysteme untergraben und gefördert werden können.

Ich möchte hier einige Gedanken von ihm teilen, die er zum 3. Reich (insbesondere der Judenverfolgung) zur Diskussion stellt und die ich finde auch heute noch ihre Gültigkeit haben – auch für heutige gesellschaftliche Fragen:

“1. Wir haben davon nichts gewusst! – Aber warum haben wir nichts davon gewusst? Haben wir nichts wissen können oder nichts wissen wollen?

2. Wir haben es nicht gewollt! – Haben wir es damals alle wirklich, von ganzem Herzen nicht gewollt oder wollen wir es nur heute nicht mehr?


3. Wir konnten nichts dagegen tun! – Haben wir alles getan, was wir dagegen tun können? Haben wir alles an Hilfe für die Verfolgten getan, was wir konnten?

(Aus: “… und führen, wohin du nicht willst”, S. 119)

Egal in welcher gesellschaftlichen Situation ich mich befinde, ich …und führen, wohin du nicht willst weiterlesen

Fehlerkorrekturwesen

“Wir Menschen sind von Natur aus keine präzise handelnden Maschinen, welche in der Lage wären, eine Haltung direkt und fehlerfrei im Verhalten umzusetzen.”

Stefan Knobel (Krankenpfleger und Kinaesthetics-Ausbildner)

In den letzten Jahren ist mir im Rahmen meiner Ausbildung und Einsätze in der Pflege immer wieder das Konzept der Kinaesthetics begegnet. Es dient dazu, dass Bewegungen körperschonend ausgeführt werden (auf gut deutsch: u.a. dazu, dass man sich beim Arbeiten nicht den Rücken kaputt macht) . Ein Bild hat mich dabei besonders gesprägt: Kinaesthetics liefert keine Techniken, sondern ist ein gemeinsam erarbeiteter Weg. Ich erlebe immer wieder, wie der durch diesen gemeinsamen Weg ausgedrückte Respekt vor der gepflegten Person bei dieser direkt ankommt. Und das freut mich. Darüber hinaus finde ich darin die Haltung wieder, die ich versuche ganz allgemein im Leben zu leben.

Gestern stieß ich dann auf das Zitat oben und es hat mich an all die Fehler erinnert, die ich selber mache und die andere machen – und wie eben nicht die Fehler das Problem sind, sondern, dass wir sie nicht als Teil eines gemeinsamen Wegs anschauen. Fehlerkorrekturwesen weiterlesen

Würde mit Demenz

“Seiner eigenen Würde gibt Ausdruck, wer die Würde anderer Menschen respektiert.”

Richard von Weizäcker

Die (zahlreichen) Menschen mit Demenz, die Teil meines Lebens sind, schenken mir ganz wertvolle Dinge: Sie sagen ehrlich was ist bzw. wer ich bin – während andere den Sonnencreme-Fleck auf meinem Hals “höflich” unerwähnt lassen ;).

Für mich ist unendlich wertvoll: Diese Menschen Würde mit Demenz weiterlesen

Ich hatte keine Zeit

“”Ich musste es tun”, Ich hatte keine andere Wahl”, “Befehl von oben”, “Ich hatte keine Zeit”, “Das haben wir schon immer so gemacht”, “Weil es das Gesetz so will” – jegliche Versuche, die eigene Verantwortung zu verweigern, nenne ich Amtssprache.”

Marshall B. Rosenberg

Ich gestalte mein Leben so, dass ich meine Zeit dem widme was mir wichtig ist. In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass einerseitsmeine Mitmenschen darauf unterschiedlich reagieren und dass zweitens ich selber immer mehr dazu stehen kann wofür ich mir Zeit nehme – also immer weniger Amtssprache brauche.

Meine Erfahrung ist: Menschen die klar wissen, was ihnen im Leben wichtig ist und dem genug Platz in ihrem Leben einräumen können mich gut so stehenlassen wie ich bin. Dabei ist völlig egal, ob das was ich wichtig finde für sie auch wichtig ist, sondern: Sie haben die Verantwortung für ihr Leben übernommen und darum stört es sie auch nicht wenn ich dasselbe für mein Leben machen. Mein Anspruch an mich ist, dass mir das umgekehrt genauso gelingt.

Menschen, die ihr Leben nach dem ausrichten “was man tun soll” bzw. nach dem was andere von ihnen erwarten (es ihnen recht machen wollen) – haben mit mir oft ein Problem. Ich konfrontiere sie nämlich – so meine Interpretation – damit, dass sie sich für Dinge, die ihnen wichtig sind, keine bzw. nicht genug Zeit nehmen – bzw. damit, dass sie sich womöglich nicht mal die Zeit nehmen/genommen haben, rauszufinden, was es ist bzw. wäre, dass ihnen persönlich wichtig ist. Im Kontakt mit mir bricht dann – so wieder meine Interpretation – der daraus entstehende Frust heraus – in Form von persönlichen Angriffen gegen mich.

Ein konkretes Beispiel: Mir ist wichtig, dass alle Menschen gleichberechtigt an der Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens teilhaben können. Dafür ist mir wichtig, dass Informationen transparent zugänglich sind und dass wenn diesbezüglich Fehler passieren, die dafür Verantwortlichen das ernst nehmen und ihren Fehler nicht zu verstecken versuchen oder versuchen, ihn herunterzuspielen. Als die Einladung für die Gemeinderatssitzung vom 13.6.2019 in Haag am Hausruck nicht aufgehängt wurde, obwohl es gesetzlich vorgeschrieben ist, war das für mich etwas, dass den transparenten, gleichberechtigten Zugang zu Informationen beeinträchtigt. Darum hab ich mir Zeit hierfür genommen und blieb in Haag am Hausruck bis die entsprechende Gemeinderatssitzung stattfand. Als die Verantwortlichen dort diesen Fehler übergingen (in den einleitenden Worten des Bürgermeisters zur Gemeinderatssitzung wurde der sonst übliche Satz zum ordnungsgemäßen Aushang “einfach” nicht erwähnt), habe ich selber auf den fehlenden Aushang hingewiesen. Weil mir eben Transparenz wichtig ist. Das führte dann dazu, dass Bürgermeister Konrad Binder eine Teil-Verantwortung übernahm und den Fehler öffentlich verkündete. Was mich wieder mal in meiner Einschätzung bestätigte, dass er ein Mensch ist, der aus Fehlern lernen kann. Leider hat er gleichzeitig den gemachten Fehler heruntergespielt (indem er ihn als Formfehler bezeichnete, was harmloser klingt, als das was wirklich passiert ist). Das fand ich nicht ok und habe es angesprochen. Das endete dann in einem persönlichen Angriff gegen mich. In anderen Wort: Ich bin dazu gestanden – unter sehr schwierigen Umständen – dass ich mir für etwas Zeit nehme, weil es mir wichtig ist. Ich hab meine Verantwortung wahrgenommen und mich nicht hinter Amtssprache versteckt – obwohl ich auf einem Amt war ;) Leider war die Reaktion darauf sehr amtssprachig. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Find ich.

Quelle Zitat: Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabriele Seils, 15. Auflage, 2012, S.38