Solidarität – das gibt’s in viel mehr Farben

Bild gemalt von Theresa Kierner, Text von Renate Zauner

Ich habe nach dem Tod meines Bruders ganz viel Solidarität erfahren. Und als ich vor Kurzem überlegte, wer mir geholfen hat, da kam ich drauf: Solidarität hat überhaupt nix mit dem Impfstatus zu tun. Im Gegenteil: Ein grosser Teil der Solidarität, die ich erfuhr, kam von ungeimpften Menschen. Mehr noch: Die ungeimpften Menschen, die ich kenne, leben grossteils seit Jahrzehnten eine unglaubliche gesellschaftliche Solidarität.

Ich find: Wenn im Mittelpunkt des Lebens von Menschen in meinem Umfeld Liebe steht – wenn ich mich an ihnen anlehnen kann, wie an einem Baum, unter dessen Krone ich Schutz finde – wenn mich ihre Herzenswärme wärmt wie die Sonne und ihr Mitgefühl mich durchfliesst wie ein klarer Bach, der mir bei der Klärung meiner Probleme hilft – dann ist dass genau das, was wir als Gesellschaft für die Eindämmung des Virus brauchen: Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Ein Gelingen des Zwischenmenschlichen. Ich find: Sowas sollte man nicht durch eine Impfpflicht gefährden. Wir sollten viel mehr auf solche Menschen ganz gut schauen.

Wenn wir wieder rund werden möchten. Wenn wir möchten, dann es in der Gesellschaft rund läuft: Dann tun wir gut daran, genau hinzuschauen. Hinzuschauen und zu sehen, wie viel gesellschaftliche Solidarität ganz viele ungeimpfte Menschen leben. Wenn wir das tun, dann können wir diese Solidarität schätzen – können diese Menschen schätzen. Und wenn wir einander schätzen, dann sind wir bereit, gemeinsam die Herausforderungen zu bewältigen, vor die der Virus uns stellt.

Es gibt weniger verletzende Wege als eine Impfpflicht. Es gibt liebevollere Wege als eine Impfpflicht. Es gibt wertschätzendere Wege als eine Impfpflicht. Kurz: Es gibt andere Wege. Es gibt eine noch viel farbenfrohere Solidarität. Die wünsche ich mir.

Zum Weiterlesen:
“Zurück zur Normalität” von Annemarie Greifeneder, 13.12.2021

Mit Allem kommen können

Wir spüren, wo wir gut aufgehoben sind

Wer kennt ihn nicht, den Satz der Bürgermeisterin / des Chefs / der Kursleiterin / der Eltern: Man kann jederzeit mit Allem zu ihm/ihr kommen. Was ich daran so spannend finde ist: Menschen sind wahnsinnig gescheit – schon von Kind auf. Sie wissen ganz genau, wem sie wirklich offen ihre Sorgen erzählen können bzw. welche Risiken damit verbunden sind – und richten sich danach. Und so bekommen eigentlich nur die Menschen, die für die Welt in ihrer ganzen Fülle (inkl. kritischer Wahrnehmung ihrer eigenen Handlungen) offen sind, auch die wirklichen Probleme mit. Alle andere hören das, was sie hören wollen (und können). Ich finde: Das hat eine gewisse Gerechtigkeit. Und eine gewisse Tragik.

Tragisch ist es deswegen, weil Weiterlesen “Mit Allem kommen können”