Aussteiger

von Erich Fried

Sie hatten sich
an den Rand
der Welt
zurückgezogen
um dort
noch leben zu können
Aber sie fanden
daß die Welt
keine Ränder hatte
und immer noch
von allen Seiten
eindrang auf sie
Das war
nicht ganz
ohne Komik
aber sie starben daran.

***

Wer hat in unserer Gesellschaft Platz? Und wer nicht? Und was passiert mit denen, die keinen Platz haben? Wie sieht es am Rand unserer Gesellschaft aus? Hat es dort Platz – und falls ja: welchen?

Zu-Reden

zu mir reden 

statt

mir zu-zuhören

und

über mich reden

statt 

mit mir.

 

keine zeit haben

mit mir zu reden

und gleichzeitig mit anderen

über mich reden

und sich

mit ihnen – die auch nicht mit mir geredet haben,

sondern ebenfalls zu mir –

einig sein

dass man mit mir nicht reden kann.

 

renate, 30.7.2020

Vergänglich möglich

Folgendes Gedicht hab ich bei einer Lesung von Reiner Kunze in den 1990er Jahren in Wien kennengelernt.

Bittgedanke, dir zu Füßen

Stirb früher als ich, um ein weniges
früher

Damit nicht du
den weg zum haus
allein zurückgehn musst

Es verkörpert für mich die Liebe und das Leben.
Es verkörpert für mich, dass es sich lohnt, bis zum Ende zuzuhören (bzw. bis zum Ende zu lesen) – weil man oft erst dann wirklich versteht.
Es verkörpert für mich, dass man auch dann, wenn man glaubt, verstanden zu haben, doch noch nicht ganz verstanden hat.

Es verkörpert für mich, dass wir einander berühren.
Es verkörpert für mich die Liebe.

Und es erinnert mich daran, dass unser Leben – mit all seinen Möglichkeiten – ein begrenztes und flüchtiges Gut ist. Wir wissen weder, wann wir selber sterben – noch wann die Anderen sterben. Und darum möchte ich alle, die es betrifft, daran erinnern, dass sich bei jemandem zu entschuldigen nicht eine Last ist – sondern eine Entlastung. Die nur eine begrenzte Zeit lang möglich ist. Ein vergänglich möglicher Weg.