Das Boot ist voll

Ich werde nie vergessen, was ich (als Dolmetscherin) an der Konferenz im Jahr 2006 gehört hab, an der ein internationales Übereinkommen für sie (Hoch)Seeschiffahrt ausgehandelt wurde. In diesem Übereinkommen wurden Mindeststandards für die Arbeitsbedingungen auf internationalen Schiffen festgelegt – in Kraft getreten ist es 2013.  Es hat mich stark geprägt, zu hören, unter welchen Bedingungen Menschen auf Schiffen arbeiten.

Warum erzähl ich das? Weil FPÖ-Poltiker Norbert Hofer kürzlich mit dem FPÖ-Seniorenring (ÖSR) auf einer Kreuzfahrt war und: Das Boot war voll. Was nichts anderes heisst, als dass insbesondere das Dienstleistungpersonal alle Hände voll zu tun hatte. So arbeiten z.B. die für die Kabinen zuständigen Stewards, vom Morgengrauen bis in den späten Abend, mit drei Stunden Pause pro Tag, sieben Tage die Woche (d.h. ohne freien Tag), acht Monate im Jahr. Landgang haben sie zwei-, dreimal im Monat. Sie sind Wanderarbeitende – Menschen die ihr Land verlassen um Arbeit zu suchen. Anders gesagt: Menschen, die Norbert Hofer als “Wirtschaftsflüchtlinge” bezeichnet – die angeblich die Politik der anderen Parteien nach Österreich gerufen hat und durch die angeblich das österreiche Sozialsystem zerstört wird. Nun: In diesem Fall waren sie definitiv nicht in Österreich, sondern ein Österreicher liess sich von ihnen im (Österreich-)Ausland bedienen. Auf dem Kreuzfahrtsschiff “versorgt” waren solche Menschen offensichtlich für Norbert Hofer kein Problem. Ihre Arbeitsbedingungen offensichtlich auch nicht. Und das bringt mich zur Frage: Sind das die Arbeitsbedingungen, die sich Norbert Hofer für uns Menschen vorstellt?

Meine Erfahrung ist: Ich kann als Arbeitskraft dann für andere Menschen voll da sein, wenn meine eigenen Arbeitsbedingungen gut sind. Dafür sind z.B. Pausen wichtig. Zeit zur Erholung (freie Tage, Urlaub). Wertschätzung. Dass ich mich ins Bett legen kann, wenn ich krank bin. Dass ich Vorgesetzte bzw. Auftraggeber*innen habe, die kompetent sind. Um nur einige Dinge zu nennen. Das sind drum die Dinge, die für mich im Mittelpunkt der Diskussion stehen sollten, wenn es um Arbeit geht.

Grad scheint es in Österreich aber eher modern zu sein, die Diskussion über solche Punkte zu vermeiden indem man betont, es gäbe ein aufgeblähtes Sozialsystem bei dem man locker sparen könnte. Es wird der Anschein erweckt als sei es so: Leute beziehen Sozialleistungen, weil sie den Staat ausnützen wollen. Die Leute sollen halt arbeiten. Wer will, findet schon eine Arbeit. Und soll dann auch belohnt werden. Drum kann man auch locker die Steuern senken.

Ich seh das anders. Für mich ist die Ausgangsfrage: Was brauchen die Menschen mit denen ich  zusammenlebe? Und dann konkret frage ich mich: Welche Arbeitsbedingungen werden Menschen gerecht?  Wie können wir möglichst viele Menschen ins gesellschaftliche Leben einbinden – alle Menschen an der Gesellschaft teilhaben lassen? Wie können wir sicherstellen, dass alle Leistungen für die Gesellschaft auch entsprechend ihrem Wert geschätzt bzw. bezahlt werden?

Wenn ich mir solche Fragen stelle  und das durchdenke, dann komme ich zu Schlussfolgerungen wie z.B.: Eine 24h-Betreuung, bei der eine einzige Arbeitskraft alle 24h abdeckt – 14 Tage hintereinander – ohne Unterbruch: Das geht gar nicht. Das ist nicht menschenwürdig. Nicht für die Arbeitskraft. Womit wir wieder beim vollen Boot wären: 24h-Arbeitskräfte sind in Österreich herzlich willkommen. Für die ist das Boot nicht voll. Was sagt das eigentlich über uns aus? Die wir uns so gerne christlicher Werte des Abendlandes rühmen, die erhalten werden müssen? Diejenigen, die für uns schuften und uns rund um die Uhr bedienen, die dürfen kommen. Für die haben wir Platz – in unserem “Boot”. So lange bis diejenigen, die sie rund um die Uhr bedienen gestorben sind. Dann dürfen sie wieder heimfahren. Ist das christlich?

 

Quellen:

Das Boot ist voll. Tagesanzeiger, 31.5.2017 (letzter Aufruf: 4.6.2017)

(FPÖ) OÖ informiert Nr 1 2016

Arbeiten auf dem Kreuzfahrtschiff. Hier Champagner, da Knochenjob (5.1.2016) (letzer Aufruf: 4.6.2017)